Connection timed out Geschichte der Reuschkirche : Evang. Reuschkirche Göppingen

Die Geschichte der Reuschkirche

Als nach dem ersten Weltkrieg im Reusch immer mehr Häuser gebaut wurden, entstand der Wunsch nach einer eigenen Kirche als Mittelpunkt für den neuen Stadtteil. 1925 begannen die Planungen und zwei Jahre später konnte das Grundstück erworben werden. Ein Wettbewerb für Architekten wurde ausgeschrieben und im Entwurf von 1928 für die „Saalkirche im Reusch“ hieß es: „Auch dürfte sich ein gutes Stadtbild ergeben, da der massige Langbau in dem Chaos von Kleinhäusern ähnlich wie der Schäfer unter seiner Herde einen wohltuenden Schwerpunkt bildet.“

 

Am 2. Juni 1930 erfolgte der erste Spatenstich und am 6. September 1931 konnte die Reuschkirche in Anwesenheit des Kirchenpräsidenten Theophil Wurm eingeweiht werden. „Vom Mitbringen von Kindern bitten wir abzusehen“, hieß es im damaligen Einweihungsprogramm – wie sich die Zeiten doch zum Glück geändert haben.

 

Die Reuschkirche wurde in den Jahren 1930 – 31 von dem Architekten Otto Bengel erbaut. Als sie 1986 unter Denkmalschutz gestellt wurde, lautete die Begründung des Landes-Denkmalamts: „Die Göppinger Architektengemeinschaft (Bengel und Bostel), deren Bauten sich häufig durch originelle Details mit bisweilen expressionistischem Einschlag auszeichnen, war für die Architektur der 20er Jahre von regionaler Bedeutung.“ Das Interesse an der Reuschkirche hat aber noch weitere Gründe: Während Oberhofen- und Stadtkirche allein für den Gottesdienst errichtet wurden, baute man seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch Vereinsheime mit Versammlungsräumen für Gruppen. In dieser Tradition stand auch das Evangelische Gemeindehaus, das spätere Oetingerhaus, in der Kellereistraße 16. Die Reuschkirche gehört zu den ersten Bauten, in denen Kirchsaal und Gemeinderäume unter einem Dach vereinigt sind. Der Kindergarten im Ostsaal war ursprünglich für 60 Kinder vorgesehen (heute 19), der Westsaal für den Konfirmandenunterricht mit einer Schiefertafel ausgestattet. Hier trafen sich auch andere Gemeindegruppen. Durch dieses architektonische Konzept sollte auch in der baulichen Gestalt sichtbar werden, dass die Gemeinschaft im Gottesdienst und die Gemeinschaft in den einzelnen Gruppen der Gemeinde in einem inneren Zusammenhang stehen.

 

Außerdem wollte die liturgische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gestaltung der Gottesdienste erneuern. Der ganze Kirchensaal sollte auf den Altar ausgerichtet sein, wie es der Architekt Hans Herkommer 1930 programmatisch ausdrückte: „Zurück zur Urkirche, zum Sinn und Wesentlichen der Kirche, zur Heiligen Schrift und zur Kürze der Form, zurück zum inneren Sinn aller Form, zurück zur Feierlichkeit und Ruhe.“ Um eine großzügige sakrale Wirkung zu erreichen, sollte das Kirchenschiff nur einen einzigen Raum ohne Pfeiler und Nebenräume haben. Einfachheit und Zweckmäßigkeit standen bei der Planung im Vordergrund. Diese Grundsätze schienen auch angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der Erbauungszeit geboten.

 

Auf eine bewusste theologische Rückbesinnung deutet schon das Kennwort „INRI“ hin, unter dem der Entwurf bei der Architektenausschreibung eingereicht wurde. Es ist die Abkürzung der lateinischen Inschrift am Kreuz Jesu und heißt auf Deutsch „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Dieses Kennwort bietet eine Erklärung für die starke Betonung der Kreuzform im Grundriss der Reuschkirche, im großen Steinkreuz hinter dem Altar, im Christusmonogramm auf der Altarvorderseite sowie den Kreuzsymbolen am Emporengeländer, auf der Eingangstüre vom Nordring her sowie außen an den beiden Giebelwänden.

 

Als 1932 ein Name für die neue Saalkirche im Reusch gefunden werden sollte, machte sich Pfarrer Daniel Schubert zum Sprecher derjenigen, die sie „Kreuzkirche“ nennen wollten. Doch hatte sich bereits die Bezeichnung „Reuschkirche“ eingebürgert, sodass sich dieser Vorschlag nicht mehr durchsetzen konnte. Beim Betreten der Kirche wird der Blick auf das große Steinkreuz hingezogen. Der Boden ist mit Solnhofener Platten belegt. Aus dem gleichen Material sind auch die Stufen zum Altar und der Taufstein. Läufer oder ein Teppich waren ursprünglich nicht vorgesehen (sie wurden erst 1953 angeschafft). Altar und Kreuz sind aus schwäbischem Marmor (Travertin). Was sich am Kreuz Jesu ereignet hat, bestimmt das Geschehen am Altar. Die Schriftlesung aus der Altarbibel gibt Zeugnis von dem, was Jesus für die Menschen getan hat, von seinen Worten und Taten, von seinem Tod und von seiner Auferstehung. Die Predigt von der schlichten Holzkanzel aus übersetzt die Botschaft Jesu in die heutige Zeit. Im Abendmahl wird die Vergebung zugesprochen und durch die Taufe werden die Täuflinge in die Gemeinde Jesu Christi aufgenommen.

 

Eine tiefere Bedeutung hat das Licht, das hinter dem Steinkreuz aufleuchtet. Wie das Kreuz an den Tod Jesu erinnert, so verweist das Licht auf das Licht des Ostermorgens und auf den Lichtglanz der göttlichen Herrlichkeit. Auf diese Weise wird das Kreuz Jesu nicht nur zu einem Identifikationspunkt für die Not und das Leiden der Menschen in dieser Welt, sondern zugleich zu einem Symbol der Hoffnung auf ein neues Leben, zu dem Jesus mit seiner Auferstehung am Ostermorgen den Zugang eröffnet hat. Krankheit und Ungerechtigkeit, Leid und Tod haben nicht das letzte Wort, sondern hinter aller Not leuchtet ein Hoffnungsschimmer auf und lässt schon etwas ahnen vom Morgenglanz der Ewigkeit.

 

Von dieser Hoffnung leben die Worte, die in großen ornamentalen Buchstaben an der Decke auf dem ersten Querbalken stehen: „Selig sind, die da Leid tragen.“ Sie stammen aus den Anfangssätzen der Bergpredigt Jesu in Matthäus 5. Sie wollen nicht das Leiden verharmlosen oder gar verherrlichen, sondern Menschen Trost spenden, die Leid tragen. Jesus begründet sie mit dem Versprechen: „denn sie sollen getröstet werden.“ Und sie sollen Hilfe in der Bewältigung ihrer Not erfahren durch die Sanftmütigen, die Barmherzigen und die Friedfertigen, denen die anderen drei Seligpreisungen gelten. Die Menschen sollen so miteinander umgehen, wie es der Liebe und dem Geist Jesu entspricht.

 

Die runden Fenster in den Seitenwänden nehmen das Interesse an der Person Jesu auf. Aber die heutigen Glasfenster stammen nicht aus der Erbauungszeit, sondern wurden nach dem Krieg eingefügt. Die ursprünglichen Glasbilder stammen von einem Göppinger Künstler, dem Glasschleifer Hermann Fischer, einem Schüler von Professor Wilhelm von Eiff (1890-1943), der die Glasschleiferei in der Stuttgarter Kunstgewerbeschule als Lehrfach eingeführt hatte. Die Fenster waren nicht auf Glas gemalt, sondern in Glas geschliffen und sind in der neu gegründeten kunstgewerblichen Göppinger „Gral“-Glas-Werkstätte Fischer & Seyfang hergestellt worden. Sie zeigten die sechs Tage der Schöpfungsgeschichte, sind aber beim Bombenangriff am 1. März 1945 zerstört worden. Nach dem Krieg wurden sie durch die sechs Fenster mit Motiven aus der Passionsgeschichte ersetzt, die von Rudolf Yelin dem Jüngeren entworfen wurden und aus der Werkstatt Valentin Saile in Stuttgart kamen. Aus dieser Zeit stammen auch die Oberlichtfenster. Die Szenen aus der Passionsgeschichte beginnen hinten links und gehen dann auf der rechten Seite wieder zurück: Jesus zieht in Jerusalem ein, Jesus betet im Garten Gethsemane, Jesus wird von Judas verraten, Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld, Simon von Cyrene trägt das Kreuz Jesu, der Auferstandene mit der Siegesfahne begegnet Thomas.

 

Am 28. April 1985, Sonntag Jubilate, wurde die neue Orgel eingeweiht. Deren Anschaffung wurde notwendig, weil die alte Orgel sehr reparaturanfällig geworden war. Ursprünglich war sie 1911 von der Göppinger Orgelbaufirma Carl Schäfer für das Krematorium gebaut, 1931 nach dem Erwerb für die Reuschkirche überarbeitet und 1939 erweitert worden. Die neue Orgel stammt von der Orgelbaufirma Kurt Oesterle aus Albershausen. Sie umfasst 27 Register, zwei Manuale und Pedalwerk. Sie besteht aus 1252 Pfeifen, die größte 2,50 m, die kleinste 1,12 mm. Am vierten Advent 2003 wurde die neue Altarbibel mit dem revidierten Text der Lutherübersetzung in Gebrauch genommen, die von einem Gemeindeglied gestiftet wurde. 2003/04 erfolgte eine umfassende Außenrenovierung, 2006 die Innenrenovierung mit einem neuen Beleuchtungskonzept, die von Architekt Volker Grässle betreut wurde. In ihrer Einfachheit und Schlichtheit, Klarheit und Zweckmäßigkeit ist und bleibt die Reuschkirche von ergreifender Schönheit. Möge sich weiterhin sein, wozu sie erbaut wurde: Mittelpunkt des kirchlichen Lebens im Reusch.

 

 

Ulrich Heckel

Festschrift zum Download (herausgegeben 2006 zum 75jährigen Jubiläum)[PDF-Datei, 4 MB]